Asterix und die Deutschen
aus: STERN 2/1974
Hinweis: die Kurzgeschichte am Ende des Textes entstammt dem Artikel
"Wer hat Angst vor den Deutschen?" aus der STERN-Ausgabe 2/1977 (erschienen am 30.12.76)
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In fünf Jahren hat der gallische Gnom die Lern-, Seh- und Lesegewohnheiten der Bundesbürger verändert.
Faule Pennäler machen freiwillig Überstunden in Latein. Fernsehbessene Bundesbürger lassen den Bildschirm dunkel und gehen mal wieder ins Kino. Intellektuelle legen ihre Bücher weg und greifen lieber zum Comic strip.
So tiefgreifenden Wandel vertrauter Lern-, Seh- und Lesegewohnheiten hat ein blonder, schnauzbärtiger Zwerg bewirkt. Der Kleine heißt Asterix und kämpft in Comic-Heften, Comic-Alben und Zeichentrickfilmen als listiger Gallier gegen Cäsar und andere Römer. Er spricht neben Sprechblasen-Experanto ("zack", "wumm", "rumms") auch Latein und ist Frankreichs beliebtester Exportartikel seit der Baskenmütze und Brigitte Bardot.
Vor 14 Jahren hatten die Franzosen René Goscinny, 47 (Text), und Albert Uderzo, 46 (Bild), den streitbaren Gnom und seine gallischen Gefährten Obelix, Majestix, Miraculix, Troubadix samt Idefix, dem Hündchen, für den Pariser Verlag Dargaud erfunden. Seitdem wurden die Asterix-Abenteuer in 14 Sprachen übersetzt. Jüngst erschien die erste Ausgabe in Arabisch, eine japanische steht bevor.
26 Millionen Asterix-Alben haben die Franzosen seit 1961 gekauft. Doch die besten Kunden des gallischen Winzlings sind in der Bundesrepublik zu Hause, wo es die Comics erst seit fünf Jahren auch mit deutschen Sprechblasen gibt. Von den 16 Asterix-Episoden, die der Stuttgarter Ehapa-Verlag in steigenden Auflagen (zunächst 50 000, jetzt 1.2 Millionen) herausgebracht hat, wurden bislang 18 Millionen Exemplare vertrieben. Und alle Anzeichen sprechen dafür, daß deutsche Fans die Abenteuer des Gnoms weit ernster nehmen, als sie von den Erfindern Uderzo und Goscinny ("Wir wollen amüsieren") je gemeint hatten.
Die brünette Ehefrau des Essener Tischlergesellen Harald B. etwa (so meldet die "Bild"-Zeitung) kündigte ihrem comic-hörigen Mann wegen Asterix die Scheidung an: "Selbst wenn er lieben wollte, äußerte Harald seinen Wunsch in der Asterix-Sprache." Der Düsseldorfer Romanistik-Professor Wolfgang Rothe widmete seine Antrittsvorlesung "Asterix und dem Spiel mit der Sprache". "Aufgezeigt am Beispiel Asterix" meldete sich die Pädagogikstudentin Margit Bliss in Ludwigsburg mit einer Fleißarbeit über "Zusammenhänge von Wort und Bild im Comic" zum Examen. Schüler aus Wiesbaden untersuchten an Hand des Albums "Asterix und der Kupferkessel" die Frage, "wie Comics von den Bürgern beurteilt werden" (Resultat: positiv).
Der "Cäsar-Fan-Club" aus Zeugheim protestierte beim Ehapa-Verlag gegen "geschichtliche Irreführung": Asterix´ Feinde, die Römer, "waren kein Sauhaufen". Der konservative "Bund für deutsche Schrift" hingegen freut sich über gelegentliche Fraktur-Lettern in den Sprechblasen.
Soviel teutonisches Engagement gilt einer Bilderserie, deren dramaturgische Gleichförmigkeit schmerzt. Ihr chauvinistischer Zuschnitt ist dabei ebenso unübersehbar wie ihr alle gängigen Konkurrenzprodukte (Ausnahme: die amerikanischen Peanuts) überragender Witz in Wortspiel und Zeichnung. Ob sie in Frankreich, Hispanien oder Rom, in Ägypten, Britannien oder in der Schweiz für gallische Glorie demonstrieren - Zwerg Asterix und Riese Obelix, die Comic-Helden des Jahres 50 vor Christus, erleben eigentlich immer das gleiche. Der Zaubertrank ihre Druiden Miraculix macht sie bärenstark. So schlagen sie den feindlichen Dummbeuteln in jeder Episode aufs Haupt und kehren dann - bis zum nächsten Asterix-Abenteuer - zufrieden in ihr Heimatdorf zurück.
Was Wunder, daß der General de Gaulle zu Lebzeiten keinen neuen "Asterix" ausließ und seine Ministerrunde im Kabinett mit dem Namen der Hauptperson titulierte. Kulturminister Malraux schmückte Zeichner Uderzo und Staatspräsident Pompidou den Texter Goscinny mit einem Orden. Doch Gaullisten, beteuern die Autoren, sind sie gleichwohl nie gewesen. Goscinny kürzlich bei einem Asterix-Bankett in Stuttgart: "Bei der letzten Präsidentschaftswahl wollten uns buchstäblich alle Parteien vor ihren Karren spannen. Aber ein Humorist, der sich politisch engagiert, kann zwar ein Philosoph, ein Moralist, ein Propagandist sein - die notwendige Distanz zum Gegenstand seines Humors jedoch verliert er dabei. Also nichts für uns."
So erklären sich die Asterix-Macher für so "unabhängig", daß "wir morgen aufhören, wenn uns nichts mehr einfällt" - dem in Deutschland gerade anlaufenden Geschäft mit Asterix-T-Shirts, Asterix-Hampelmännern, Autoaufklebern und anderen Maskottchen zum Trotz. Und hinter den Kulissen rangeln die Kaufleute. Axel Springers Comics-Verlag "Koralle", das bestätigte Ehapa-Chef Adolf Kabatek, hat ein Auge auf den Zwerg aus Gallien geworfen. Schon hat er für seine neue Kinderzeitschrift "Idefix" (Untertitel: " Der Hund von Asterix und Obelix") ein Stück aus der Goscinny/Uderzo-Produktion ergattert. Doch Kabatek glaubt seinen Asterix "auf unabsehbare Zeit" noch sicher in seiner Hand.
(Alfred Nemeczek)


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