Hallo,
nun habe ich den neuen Band einmal intensiv durchgelesen und ein weiteres Mal locker durchgeblättert. Obgleich ich gestern abend (bzw. eigentlich schon heute ganz früh) noch auf der Forumseite war, habe ich bewußt noch nicht Marco's Kritik oder irgendeine andere gelesen. Den ersten Eindruck wollte ich doch unbefangen auf mich wirken lassen. Vor dem Schreiben dieser Zeilen freilich habe ich die vorstehenden Kritiken (nicht aber die externer Medien) gelesen.
Es fällt mir etwas schwer, ein wirklich gerechtes Urteil über diesen Band abzugeben, denn dieses fällt ambivalent aus, je nachdem, von welcher Warte ich den Band betrachte. Eigentlich gefällt mir der Band für sich genommen gar nicht schlecht, nein, er ist sogar in vielerlei Hinsicht sehr gelungen. Andererseits gibt es doch einige kleinere und größere Kritikpunkte. Den mit Abstand größten möchte ich voranstellen: Seine Veröffentlichung als Band 34, anstatt als Sonderband. Ich komme darauf noch zurück.
Zunächet einmal das Positive an diesem Band. Tatsächlich hat Uderzo hier - im wesentlichen mit Erfolg - auf seine Stärken gesetzt und seine Schwächen umschifft. Uderzo ist kein begnadeter Texter und ich denke, er weiß das mittlerweile auch. In diesem Band hat er sich fast vollständig auf seine zeichnerische Genialität verlassen und die ist tatsächlich (allen Eindrücken, die letzten Bände seien weniger Detailverliebt gewesen als die alten, zum Trotze) ungebrochen. Die Zeichnungen sind einfach wunderbar anzusehen. Die vielen Umsetzungen bekannter Kunstwerke, das Spiel mit verschiedenen Kostümen für Obelix und die Darstellung der Figuren mit 50 Jahren mehr auf dem Buckel lassen gewiß keine Spur von zeichnerischer Altersschwäche erkennen. Auch kann ich die Anspielungen nicht zu mordern finden. Asterix hat schon immer aktuelles Geschehen parodiert, warum also heute nicht "Deutschland such den Superstar"?
Auf der anderen Seite hat der Band eigentlich keine Handlung. Das muß in diesem Rahmen, für einen solchen "Hommagen-Band", kein Nachteil sein. Es ist nicht die Aufgabe des Bandes, eine Geschichte zu erzählen. Nur merkt man schon an dem bißchen rudimentärer Handlung, die den einzelnen Szenen (von in sich abgeschlossenen Kurzgeschichten kann man weitgehend ja nicht sprechen) als Verbindung beigegeben ist, daß hier eine rechte Einfallslosigkeit herrscht. Gewiß ist es eine nette Grundidee, im Rahmen eines "Was wäre wenn" die Gallier einleitend für eine kurze Sequenz (und mit entsprechendem Einleitungstext) im Jahre 1 n. Chr. darzustellen. Allein die Handlung dieser zwei Seiten läßt jeden Pepp vermissen. Nicht, daß nicht ein oder zwei nette Ideen dabei sind, aber weder ist das Szenario glaubwürdig (Was ist mit den Römern, hat man mit ihnen Frieden geschlossen? Miraculix scheint keinen Zaubertrank mehr zu brauen. Hat die Wirkung bei Obelix wirklich nachgelassen?), noch gibt es einen komischen Höhepunkt. Daß Uderzo himself (von Asterix noch als geistiger Vater bezeichnet) dort auftaucht und einen Hieb versetzt bekommt, scheint eher eine Notlösung zu sein, um den Dreh heraus aus diesem Szenarion zu bekommen. Besonders lustig ist es (für mich) nicht.
Die Rahmenhandlung des restlichen Bandes ist ebenso inexistent, wie unlogisch. Während Asterix und Obelix auf Wildschweinjagd sind (!) kommen gleichzeitig (!) Freund und Feind (!), ohne Rücksicht auf deren "Verfassung" am Ende ihres ursprünglichen Auftrittes (!) ins Dorf, um Asterix und Obelix zu feiern. Dabei unterhält man sich über Geschenke bzw. denkt über Verkuppelungsmöglichkeiten nach... ohne daß es wirkliche Fortschritte oder ein würdiges Ende gäbe. Auch vermeintliche Spannungsspitzen, wie Majestix' Ankündogung abzudanken, werden nicht fortgesetzt. In vielen Szenen (v.a. dem Museum) sind die Dorfgallier auch nur Statisten, gut für den einen oder anderen Kommentar. Gerade die Befeierten, Asterix und Obelix, kommen sehr wenig zu Wort. Und die Kommentare sind in Sachen Witz sehr unterschiedlich gelungen.
Sehr positiv finde ich, daß der Band die Goscinny-Kurzgeschichte "Les voyages gaulois" aus Pilote 1966 (
mein Tip war tatsächlich richtig) nun in deutscher Erstveröffentlichung enthält. Ein spät gehobener Schatz! Bedauerlich ist hingegen, daß die zugehörige Originalillustration von Uderzo nicht mitgeliefert wurde. Sie bringt die beschriebenen Szenen wesentlich besser ins Bild, als die hier im "Reiseführer" beigegebenen Bildzitate aus früheren Alben.
Und damit komme ich zum nächsten Punkt, den Gregor ja schon vor mir angesprochen hat. Viele der Zeichnungen sind bereits bekannte Bilder, die in diese Geschichte eingeflochten sind. Dabei ist leider auch nicht immer - eigentlich sogar ausgesprochen selten - die Quelle angegeben, so daß man ohne weiteres nicht ersehen kann, was neu und was alt ist. In der Sache spricht aus meiner Sicht eigentlich nichts gegen eine Veröffentlichung bereits bekannter Selbstparodie-Zeichnungen. Warum sollten die nicht in einem Jubiläums-Potpourrie der breiten Leserschaft zugänglich gemacht werden? Allein hätten diese Teile erstens gekennzeichnet sein und zweitens in Originalgröße abgebldet werden sollen. Die Zeichnung zur Ferrari-Werkstat etwa (S. 22), ist so klein völlig verschenkt. In "Weiter Weg zu Asterix" ist sie ganzseitig abgedruckt.
Etwas viel der Zweitverwertung war mir dann eigentlich die Kurzgeschichte "ABC-Schütze Obelix" und die Alternativszenen aus dem
Latraviata-Skizzenbuch. Das ist natürlich davon beeinflußt, daß ich diese Werke schon in anderer Form vorliegen habe, während etwa die französische Leserschaft kaum einen Zugang zu "ABC-Schütze Obelix" (= "Lire avec Obélix") hatte. In Bd. 32 ist sie ja nur bei uns enthalten.
Aber nicht nur unter den Zeichbnungen findet sich viel Zweitverwertetes, sondern auch unter den Ideen. So wurde Obelix (dem Grunde nach) bereits in "Obelisc'h" in verschiedene Kostüme gesteckt und schon in
Geschenk hat sich ein Huhn in Majestix' Helm verliebt. Schon im zweiten Realfilm, "Mission Kleopatra", gibt der Piratenkapitän den Titanic-Hauptdarsteller, wie hier nun Baba. Die Idee der Zenturionen, die ihr eigenes Abführmittel trinken, war zwar in der Form noch nicht da, wirkt aber auch nicht gerade erfrischend...
Kommen wir nun also zu meinem Hauptkritikpunkt des Albums: seiner Stellung als Band 34. Ich habe in der Sache kein Problem mit dem Band und seinem Inhalt, ich finde ihn wie gesagt, sogar großteils recht gelungen. Allerdings ist er in vielerlei Hinsicht nicht kanonisch. Zwar ist es richtig, daß der Kanon - wie Marco schreibt - nur in den Köpfen des Lesers existiert. Nur tut er das ja nicht zufällig. Über 50 Jahre haben Goscinny und Uderzo eine Welt aufgebaut und fortgeschrieben, in der ihre Gallier leben und wirken. Diese Welt hat teilweise ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten (die Römer verwenden keine Anti-Personen-Fernwaffen, es gibt keine ernstlichen Verletzungen, ...), sie ist nicht immer ganz widerspruchsfrei, aber kann doch schon im wesentlichen (wenn auch nicht völlig) als ein in sich geschlossenes, weitgehend logisches und glaubwürdiges Gebilde betrachtet werden. In diese Asterix-Welt paßt dieses Album (Abenteur möchte ich es nicht nennen) nicht hinein, noch weniger, als es Band 32 tat, dessen Kurzgeschichten nur vereinzelt in Widerspruch zu anderen Abenteuern stehen. Hier ist aber offensichtlich, daß die Gallier nicht in ihrer Welt agieren und daß in anderen Bänden Geschehenes nicht als gegeben respektiert wird. Das fängt dabei an, daß Feinde der Gallier diesen gratulieren (während man einen Auftritt manchen Freundes oder gar Verwandten übrigens vermißt). Das geht aber weiter, wenn Lügfix plötzlich als (wohl auch noch echter) Seher fungiert... und das obgleich er doch am Ende von
Seher dieser Scharlatanerie abgeschworen hatte. Es treten auf die Zenturionen Ausgus, Redeflus und zwei weitere, deren Namen (wenn sie bekannt sind) mir gerade nicht einfallen. Zumindest von Redeflus wissen wir aber, daß er am Ende befördert wurde; er ist Tribun. Ausgus ist demgegenüber zum einfachen Legionär degradiert worden... all das gilt hier nicht mehr.
Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, daß es sich hier nicht um einen regulären Band handelt, dann mag man auf das Fehlen des traditionellen Festbanketts am Ende des Bandes hinweisen. Es gibt zwar eine Art Abschlußveranstaltung, die allerdings mit einem Bankett nicht das geringste zu tun hat.
Daher ist dieser Band zwar für sich genommen nicht schlecht, aber er ist
als Band 34 völlig ungeeignet. Das einzige, was dafür spricht, ihn einzugliedern, ist die Tatsache, daß er ausschließlich originales Uderzo-Material beinhaltet. Aber das allein genügt mir nicht. So bleibt es letztlich ein Sonderband, der aus reinen Vermarktungsgründen "rücksichtslos" in die reguläre Reihe eingegliedert - oder besser: hineingepreßt - wurde. Das ist es, was die eigentliche Schwachstelle des Bandes ist, die mir ein wenig die Freude daran trübt.
Kommen wir aber noch zu ein paar weiteren bemerkenswerten Punkten:
- Der Piratenkapitän hat hier erstmals einen Namen erhalten. Er heißt nicht Der rote Korsar und nicht Enternix... nein, er unterzeichnet auf S. 15 mit
Rotbart- Das Marsupilami enthält eine Ehrung... zum zweiten Mal in der Asterix-Serie. Offenbar mag Uderzo diese Serie oder ihren Schöpfer besonders gerne.
- Der Titel des Bandes ist nicht auszumachen: Auf der inneren Titelseite trägt zwar auch die SC-Ausgabe einen Untertitel. Dieser lautet aber "Das goldene Album", nicht "Das goldene Buch", wie in der HC-Ausgabe. Ob dies auch im französischen so ist oder eine Maßnahme des Ehapa-Verlages, weiß ich freilich nicht.
- Auf der letzten Seite, die Uderzo's Danksagung und das Impressum enthält, stehen Glückwünsche in allen möglichen Sprachen. Die deutsche muß man schon sehr suchen. Kaum noch lesbar ganz unten rechts findet sich der Glückwunsch in der Sprache des zweitgrößten Asterix-Marktes.
- Die Anordnung der Ziffern auf S. 24/25 im Reiseführer scheint recht willkürlich. Es ist nicht einsichtig, was man ausgerechnet in Britannien mit einem Ticket des ÖPNV aus Lutetia soll.
- Asterix' Reisepaß zeigt, daß er offenbar genau im Jahre 85 v. Chr. geboren ist... woher die Gallier wohl wissen, daß im Jahre Null die Zeitrechnung n. Chr. beginnt? Das gilt auch für so manch anderen Beschriftung, v.a. im Museum.
- Die Person, im ersten Bild auf S. 5, über deren Identität wir
im anderen Thread gerätselt hatten, soll wohl tatsächlich Gaius Infarctus sein. Jedenfalls hat er tatsächlich die Haarfarbe in blond geändert, wie wir auf S. 45, Bild 3, sehen. Ein Kompliment an Bratensos, der das richtig vemutet hatte.
Abschließend noch ein paar Worte zur formalen Gestaltung des Ehapa-Verlages. Ich finde es enttäuschend, daß für Landkarte und Heldenvorstellungen wieder diese blockige Großbuchstabenschrift verwendet wurde. Das kann man doch gar nicht leserlich finden.
Ich finde es unangemessen, daß auf dem Backcover der SC-Ausgabe "Wie Obelix..." in der Reihe
Asterix der Gallier vorangestellt ist. Jetzt ist mir klar, warum er neuerdings auf eBay so gern als Bd. 0 verkauft wird. - Noch so eine Marketing-Entscheidung...
Ich finde das Papier sehr angenehm. Gut, daß man nicht wieder dieses glänzende Zeug von der Erstauflage von
Obelix auf Kreuzfahrt genommen hat.
Mein abschließendes Fazit möchte ich so zusammenfassen: Wenn man vergessen kann, daß es Band 34 der Reihe ist, ist es ein zeichnerisch hervorragender und höhepunktreicher Jubiläumsband, mit dem der Geburtstag der Comic-Helden würdig gefeiert werden kann. Es wäre dann trotz einiger Schwachstellen ein sehr gelungener Sonderband zu ehren der unbesiegbaren Gallier. Als bestandteil der regulären Asterix-Reihe aber wird er immer ein Fremdkörper bleiben.
Gruß
Erik