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Asterix erobert die Weltaus: "Das Beste aus Reader's Digest" 11/1976zurückblättern | Kategorie Sekundärliteratur | Comedix-Bibliothek Hyperlinks sind Anmerkungen der Comedix-RedaktionMit seinen pfiffigen Ideen erfreut der unwiderstehliche kleine Gallier Kinder und ErwachseneWer in Frankreich - ja, wer in Europa! - kennt nicht Asterix den Gallier, den etwas zu kurz geratenen Comic-Kobold mit dem Flügelhelm und dem gelben Walroßschnurrbart? Seit er 1959 von René Goscinny und Albert Uderzo im Comic-Magazin Pilote vorgestellt worden ist, hat er sich zu einer der beliebtesten Phantasiefiguren der Welt gemausert. In bisher 23 Bänden und zwei abendfüllenden Trickfilmen hat er den römischen Eindringlingen tapfer Widerstand geleistet. Die Hefte haben in Frankreich mittlerweile eine verkaufte Auflage von 35 Millionen Stück erreicht - ein beispielloser Rekord in der Verlagsgeschichte des Landes. Im September 1966 widmete das Nachrichtenmagazin L'Express der eigentlich für Kinder geschaffenen Figur eine Titelgeschichte. Die wöchentliche Auflage des Magazins stieg darauf um 15 Prozent. Im Sommer 1974 brachte Le Monde, Frankreichs nüchternste Tageszeitung, in Fortsetzungen das Asterix-Abenteuer "Das Geschenk Cäsars" und errang damit den Beifall der Weltpresse. Im Frühjahr 1976 eröffnete das Wochenblatt Le Nouvel Observateur seine Spalten einer neuen Serie, Obélix et Compagnie. Die Asterix-Bildergeschichten schöpfen ihren Stoff aus der französischen Geschichte; trotzdem sind sie viel übersetzt worden, unter anderem ins Japanische, Arabische, Hebräische, Griechische und Serbokroatische. In Großbritannien erscheinen sie als Taschenbuch. In mehreren europäischen Ländern hat die Auflage der Asterix-Bände die Millionengrenze überschritten - sogar in Italien, obwohl der kleine Gallier die alten Römer mit Fleiß als "spinnert" hinstellt. In der Bundesrepublik Deutschland sind bisher 27 Millionen Exemplare verkauft worden. Der deutsche Literaturkritiker André Stoll hat sogar eine 186-Seiten-Studie verfaßt, in der er Parallelen zwischen Asterix und der Gralssage sowie dem Sagenkreis um König Artus nachgeht. Unternehmen in Skandinavien, Deutschland, Frankreich, Holland und Spanien mobilisierten Asterix für ihre Werbung, um den Umsatz von Haushaltsgeräten, Lebensmitteln oder Schulbedarf auf die Sprünge zu helfen. Der verschmitzte Gallier hat sogar Pädagogen mit dem Comic strip versöhnen können: Seine Abenteuer wurden für den Schulgebrauch ins Lateinische übersetzt und in dieser Version bislang in Deutschland 50.000 mal, in Frankreich über 100.000 mal verkauft. Die Geschichten enthalten eine Menge Informationen über gallische und römische Lebensgewohnheiten. Die genauen Zeichnungen Uderzos haben sich denn auch das Lob führender Experten für die gallorömische Epoche wie Jérôme Carcopino und Henri-Paul Eydoux erworben. Bevor Uderzo und der für den Text verantwortliche Goscinny ihre Figuren aus dem Heimatdorf losschicken, unternehmen sie die Reise selbst, ziehen örtliche Archive zu Rate und sehen sich stundenlang in Museen und Bibliotheken um. Während Goscinny sich Notizen macht, wirft Uderzo Hunderte von Skizzen aufs Papier. Goscinny ist 1926 in Paris geboren. Als er zwei Jahre alt war, übersiedelten seine Eltern nach Argentinien. Er studierte an der französischen Akademie in Buenos Aires und arbeitete zunächst in der argentinischen Hauptstadt, später in New York, als Gebrauchsgraphiker. Doch allmählich kamen ihm Zweifel an seiner Berufswahl. "Mir wurde klar, daß ich lieber schreiben statt zeichnen wollte", sagte er mir. "Aber ich möchte die graphische Erfahrung nicht missen, denn gute Texte für Bildergeschichten kann man nur verfassen, wenn man auch zeichnerische Praxis hat." Während einer Frankreichreise 1949 wurde er von einer französisch-belgischen Presseagentur engagiert. Dort begegnete der 23jährige dem um ein Jahr jüngeren Uderzo. Uderzo hatte immer in Paris gelebt und mehrere Comics herausgebracht. "Da ich besser zeichnete als textete", erläutert Uderzo, "taten wir uns zusammen." Gemeinsam schufen sie eine Reihe Bildergeschichten wie Oumpah-Pah le Peau-Rouge für das Magazin "Tintin". Ermutigt durch den Erfolg, legten sie ihre eigene Comic-Wochenzeitschrift "Pilote" auf. Gleich in der ersten Nummer stellten sie den kleinen Gallier vor. "Wir suchten einen neuen Charakter", erinnert sich Goscinny. "Als wir die existierenden Comic-Helden unter die Lupe nahmen, fanden wir darunter nicht einen einzigen Gallier. Dabei sind die Gallier für uns Franzosen so etwas ähnliches wie die Cowboys für die Amerikaner. Uderzo dachte sich unseren Helden als einen großen Kerl. Mir schien es lustiger, einen Steppke, einen David sozusagen, gegen die mächtigen Römer antreten zu lassen. Schließlich einigten wir uns auf zwei Hauptfiguren, den kleinen Asterix und den goliathstarken Obelix. Mit seinem Minihund Idefix ist Obelix Asterix' ständiger Begleiter. Der kühne, intelligente tüchtige Asterix, der stets die Übersicht behält, ist heldischen Vorbildern nachempfunden. Der erdverbundene, derbere Obelix verkörpert dagegen das naive Element und ist ein Vielfraß, der es unter ein paar gebratenen Wildschweinen zum Mittagessen nicht tut." Schauplatz der Handlung ist eine Galliersiedlung irgendwo im heutigen Departement Côtes-du-Nord in der Bretagne. Die Zeit: das Jahr 50 v.Chr. Die Römer haben das Dorf nicht einnehmen können und werden das auch nie schaffen. Miraculix, der Dorfdruide, weiß nämlich einen Zaubertrank zu brauen, der seinen Landsleuten übermenschliche Kräfte verleiht. Dummerweise läßt die Wirkung des Mittels rasch nach. Schon oft hat Asterix feststellen müssen, dass ihn das Zeug bei seinen Abenteuern im entscheidenden Moment im Stich ließ. Dennoch triumphiert der kleine Gallier stets über seine Widersacher. Die Bilderstreifen sind eine üppige Mischung aus Humor und Abenteuer. Die Schlachten zwischen Galliern und Römern sind entschieden komisch; selbst den Römern scheint es Spaß zu machen. Nach einem solchen Strauß brummt ein römischer Legionär mit widerwilliger Anerkennung: "Die haben uns reingelegt, was, Chef?" Eines zeichnet diesen Comic strip vor all seinen französischen Konkurrenten aus - die satirische Behandlung modernen Lebens. Die Römer hausen in Mietskasernen mit sogenannten "halblateinischen Wohungen" (HLW), die karg ausgestattet und viel zu klein sind: "Ein Wohnzimmer, Küche, ein Bad - und das Wasser muß man auch noch vom Aquädukt holen!" Asterix findet: "Mit ihren neumodischen Bauwerken verschandeln die Römer noch die ganze Gegend!" Lutetia - Paris - ist eine teure, übervölkerte Stadt. Die Luft ist verpestet, die Straßen sind verstopft von Karren und Wagen, deren Fahrer wütend brüllen: "Platz da, Barbar! Du hältst dich wohl für Ben Hur?" Hier kann es wirklich nur Fremden gefallen. Die Agentur Claudius Metrobus ("Man spricht Lateinisch, Keltisch und Germanisch") bietet Touristen Gelegenheit, Lutetia bei Nacht kennenzulernen. Jeder Band enthält auf 48 Seiten etwa 600 Zeichnungen und 1500 Sprechblasen. Dahinter stecken mindestens sechs Monate harter Arbeit. Die Autoren arbeiten manchmal in Goscinny's Appartement im 16. Arrondissement oder in Uderzos Haus in Neuilly. Sie lassen dann sämtliche Telefone abschalten, und ihre Frauen versuchen ihnen alle Störungen vom Leibe zu halten. Zunächst gibt Goscinny Uderzo das Szenario, das er allein verfaßt hat. Später legt ihm der Illustrator seine Bleistiftskizzen nach dem Text vor. So kann einer den anderen kritisieren und die Vorschläge verbessern helfen. Goscinny und Uderzo haben kürzlich einen abendfüllenden Trickfilm nach einem neuen Drehbuch fertig gestellt. "Asterix erobert Rom" ist der erste Film, den die beiden selbst in Frankreich gemacht haben. (Die zwei vorangegangenen Asterix-Streifen wurden in Belgien produziert.) Dank dem Erfolg ihres Werkes konnten sie sich ein eigenes Zeichentrickstudio einrichten; es hat über 50 feste Mitarbeiter und ist heute das größte und bestausgestattenste Atelier dieser Art in Frankreich. Mit Herstellungskosten von 8 Millionen Franc ist "Asterix erobert Rom" der teuerste Zeichentrickfilm, der je in Europa produziert worden ist. Der weltweite Erfolg von Asterix läßt sich leicht erklären. Jeder, der sich seine Selbständigkeit bewahren will, jeder, der unter den Tücken des modernen Lebens leidet, kann sich mit dem aufmüpfigen kleinen Gallier identifizieren. Und wer will es den Franzosen verdenken, wenn sie ihrem Asterix mit besonderer Begeisterung anhängen? Schließlich beruhen seine Triumphe großenteils auf einer Eigenschaft, die gerade Franzosen schätzen - Findigkeit. Eine Figur in dem Bilderstreifen sagt es frei nach Napoleon: "Unmöglich ist nicht gallisch!" (Vassilis Alexakis)
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