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Uderzo erzählt von seiner Farbenblindheit und den Träumen seiner Kindheit

"DIE ZEIT", Dietmar Bruns - 6. April 2006

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Albert Uderzo, 78, ist der Erfinder von Asterix. Mit ihm hat der Zeichner eine der erfolgreichsten Comicfiguren geschaffen. Seit dem Tod des Autors René Goscinny, 1977, schreibt Uderzo auch die Texte seiner Geschichten; er lebt in Paris. Im Mai kommt der Trickfilm »Asterix und die Wikinger« ins Kino. Hier erzählt Uderzo von seiner Farbenblindheit und den Träumen seiner Kindheit

"Wenn ich träume, sehe ich etwas, das ich eigentlich gar nicht kenne – ich sehe Farben, viele Farben. Vielleicht sollte ich besser sagen: Ich glaube, Farben zu sehen, denn ganz sicher kann ich mir nicht sein – aber ich empfinde es so. Was schon seltsam ist, denn ich bin farbenblind. Träume sind für mich ein Freiraum, in dem ich anders sehe. Dass ich keine Farben erkennen kann, war nie ein Handicap. Ich habe bereits als Kind gezeichnet. Als ich die Pferde immer grün und die Bäume rot malte, fiel den anderen auf, dass da etwas nicht stimmte. Ich habe mir dann einfach gemerkt, dass Pferde eben nicht grün sind, und die Stifte entsprechend markiert, aber die Kolorierung meiner Zeichnungen habe ich schon seit langem in andere Hände gegeben.

Ich erinnere mich oft an meine Kindheit, es war die schönste Zeit meines Lebens. Obwohl meine Familie arm war und wir unter dem Krieg litten, konnte mich das nie vom Träumen abhalten. Damals war ich in meinen Träumen immer ein Clown mit einer dicken roten Nase, der das Publikum zum Lachen bringt. Als Junge hatte ich mich in ein Zirkusplakat verliebt. Es war riesig und zeigte mehrere Clowns. Einer von ihnen hieß genauso wie ich: Albert. Er hatte die grellste Maskierung und die größte Nase. Ich wollte sein wie er. Dieser Albert muss mich später unbewusst zu den Knollennasen meiner Gallier inspiriert haben. So sind Asterix und Obelix an meiner Stelle Clowns geworden.

Noch bevor ich ernsthaft darüber nachdachte, es als Comiczeichner zu versuchen, träumte ich davon, für Walt Disney zu arbeiten. Ich war fasziniert von Micky Maus und Donald Duck. Da saß ich dann mit dem Stift vor einem leeren Zeichenblatt und ließ mich in meinen Tagträumen treiben, in denen ich neben Disney in seinem Studio arbeitete und Micky Maus zeichnete. Ein Jugendtraum, ich war naiv, dachte, das würde ich schon schaffen. Später, als ich erste Aufträge als Zeichner bekam, ist dieser Traum zunehmend verblasst. Denn ich hatte erfahren, dass die Realität in den Disney-Studios ganz anders aussah, als ich mir ausgemalt hatte. Ich wäre da nur ein Rädchen von vielen in einer großen Industrie gewesen. Das hätte ich nicht ertragen. Ich wollte meine Unabhängigkeit bewahren. Da bin ich ganz wie Asterix.

Dass René Goscinny und ich mit unseren unbeugsamen Galliern weltweit Erfolg haben würden, hätten wir nie zu hoffen gewagt. Denn das Ganze ging ursprünglich auf die Idee eines Verlegerfreundes zurück, der sich gegen die Massen von US-Comics abgrenzen wollte. Er ermutigte uns, einen französischen Helden zu erfinden, mit dem die Jugend in Frankreich mehr anfangen konnte. Wir haben das nicht als Affront gegen die US-Comics verstanden, denn durch sie waren wir ja selbst erst zum Zeichnen gekommen. Die meisten vorherigen Auftraggeber hatten immer nur gefordert: Macht doch was wie Tim und Struppi.

Das fanden wir ziemlich öde. René und ich waren uns schnell einig, dass wir zu unseren Ahnen, den Galliern, zurückgehen wollten. Der Zeitdruck war enorm, das Heft mit der ersten Episode sollte schon bald erscheinen. So haben wir in einer Viertelstunde fast alle Charaktere entwickelt. René ließ alle Nachnamen auf -ix enden – als Hommage an den französischen Nationalhelden, den gallischen Häuptling Vercingetorix.

Wenn wir gewusst hätten, wie wichtig man unsere Comics später nehmen würde, mit welcher Akribie Intellektuelle unsere Charaktere sezieren würden, hätten wir uns einige Monate Zeit genommen und nicht nur diese 15 Minuten.

Ich weiß noch, wie anfangs vor allem französische Journalisten lästerten, der Erfolg von Asterix sei keine große Sache, weil wir doch eh nur den De-Gaulle-Patriotismus bedient hätten. Der Vorwurf war schnell vom Tisch, als Asterix auch in anderen Ländern Erfolg hatte und in Deutschland zeitweise sogar erfolgreicher war als in Frankreich. In unseren Geschichten gibt es kein französisches, eher ein universales Thema.

Die Botschaft ist: Der Kleine kann den Großen besiegen, er kann auch austeilen, muss sich nicht alles gefallen lassen. Damit kann sich jeder identifizieren – egal, in welchem Land er lebt. Jeder kennt diese Wut darüber, unterdrückt oder schlecht behandelt zu werden, jeder möchte dann mal den kleinen Gallier von der Leine lassen. Ich würde auch gern mal meinen Steuereintreiber verprügeln.

Es gibt ja inzwischen unglaublich viele Methoden, die Gallier-Abenteuer zu deuten. Mal wurden sie als Allegorie auf den Kampf der Résistance gegen die Nazis gelesen, später galt Asterix als Ikone der 68er, und noch später wurde er von den Globalisierungsgegnern vereinnahmt. Nichts von alledem hatten wir beabsichtigt. Wir haben vieles sogar bestritten, es nutzte nichts. Eine Zeitung hat mal geschrieben: Goscinny und ich wären nicht mehr die Herren unserer Schöpfung, dass wir gar nicht wüssten, was wir da losgetreten hätten. Das ist wahr, wir konnten gar nicht ahnen, was sich alles um Asterix ranken würde. Ich weiß inzwischen, dass Asterix-Leser in den Comics das sehen, was sie sehen wollen.

Ich habe mich daran gewöhnt, schließlich zeichne ich seit 60 Jahren Comicgeschichten. Schon kurios, dass ich mich noch einmal in einen Jugendtraum versenkt habe und Walt Disney doch noch nahe gekommen bin. In meinem Band Gallien in Gefahr habe ich ihm sogar eine Hauptrolle gegeben. Ich lasse ihn als mausähnlichen Außerirdischen namens Tadsylwine – ein Anagramm von Walt Disney – im gallischen Dorf landen. Meine Hommage an den großen Zeichner ist zugleich allerdings auch ein Seitenhieb auf George W. Bush: Denn die Außerirdischen kommen aus der Zukunft, um den Galliern den Zaubertrank zu rauben. Es ist das erste Mal, dass ich mich in Asterix kommentierend zur Weltpolitik geäußert habe. Monsieur Bush habe ich ebenfalls mit einem Anagramm verballhornt – für mich ist er nur ein »ubsh«. Es hat mir Spaß gemacht, Bush lächerlich zu machen, obwohl die Folgen seiner Politik ja alles andere als lustig sind. Er hat Menschen im Irak unnötigerweise töten lassen, weil er glaubte, sie besäßen Chemie- und Atomwaffen. Sie haben überall danach gesucht, aber nichts gefunden. Dann hat die US-Regierung die Irak-Frage aufgebauscht, um uns in einen Krieg zu ziehen. Skandalös. Monsieur Bush hat mich mit seiner Politik so aufgebracht, dass ich mit 78 Jahren etwas gemacht habe, was ich bisher bewusst vermieden habe: Ich habe meine politische Überzeugung in die Comics einfließen lassen.

Bisher hatte ich es bei Anspielungen auf politische Koordinaten belassen. Der große Graben beispielsweise, die Geschichte über ein geteiltes Dorf, war von der damals noch vorhandenen Mauer in Berlin inspiriert. Nur dass ich statt der Mauer eben einen Graben gezeichnet hatte. Seltsamerweise ist das den deutschen Lesern und Kritikern nie aufgefallen. Stattdessen hielten mir deutsche Kritiker oft unter die Nase, dass wir die Goten mit Pickelhelmen und Hakenkreuz-Flüchen gezeichnet hatten.

Noch mal zum Mitschreiben: Das war gewiss nicht als Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus gedacht. Es war eher so: Wenn wir unsere Gallier mit anderen Völkern zusammentreffen ließen, haben wir immer versucht, wiedererkennbare Typen herauszugreifen. Die Spanier zeigten wir als temperamentvoll, die Briten als phlegmatisch, und die Deutschen waren eben sehr kämpferisch, sie schlagen sich sogar untereinander und haben Namen, die alle auf -ik enden. Das war doch lustig. Im Übrigen waren die Germanen sehr kriegerisch und schwer zu schlagen. Das ist historisch überliefert. Cäsar schrieb, dass er manchmal nur mit Hilfe der germanischen Reiter, die Teil seines Heeres geworden waren, Schlachten gewonnen hat. Die Germanen haben ihm übrigens auch geholfen, die Gallier im letzten Augenblick doch noch zu schlagen.

Wenn ein Volk seine Schwächen kennt und sich selbst darüber lustig machen kann, ist das die beste Garantie für Demokratie. Die Deutschen haben mehr Humor, als man ihnen nachsagt. Und heutzutage haben wir uns im Zentrum von Europa doch längst alle angenähert und voneinander profitiert.

In den vergangenen Jahren wurde ich immer häufiger gefragt, wie lange es Asterix noch geben wird. Ja, wie lange noch? Wer weiß das schon? Sicher, ich hätte mich in meinem Alter längst zur Ruhe setzen können. Aber das liegt mir nicht. Ich möchte weitermachen, solange es mir möglich ist und solange man meine Geschichten lesen will. Im Grunde habe ich immer davon geträumt, das zu machen, was ich jetzt mache – ich bin ein Clown, der zeichnen kann. Und ich träume immer noch."


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