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Die Wiedergeburt von Asterix und Obelix

aus: "CINEMA" 4/1999

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Das Trabantendorf

Asterix' Dorf ist ein Meisterstück der Handwerker: Auf 4000 Quadratmetern bauten sie Häuser, Gärten, Zäune, Brücken, sogar einen Bach. Und dazu den perfektesten Baum der Filmgeschichte

Wenn die Handwerker kommen, ist alles möglich - sogar die Erschaffung des perfekten Märchendorfes. Die Arbeiten in dem großen französischen Studio in Arpajon leitete der Produktionsdesigner Jean Rabasse, der auch die Kulissen für "Die Stadt der verlorenen Kinder" und "Alien IV" gebaut hatte. Er erzählt: "Zunächste mußte man die richtigen Materialien finden. Welche Steinqualität einsetzen? Welche Holzart einsetzen? Alte Eichen?" So entstanden nicht nur die Häuser, sondern auch ein Bach, kleine Brücken und Marktstände. Rund um die Anlage wurde eine blau bemalte, 260 Meter lange Leinwand gespannt, so daß die Kamera immer ein Stück Himmel im Bild hatte.

Die größte Mühe gab man sich beim Baum in der Mitte des Dorfes, der von dem französischen Bildhauer Francis Poirier entworfen wurde: Er besteht aus bearbeitetem Metall und Styropor. Die Blätter wurden in China handgenäht, einzeln gefärbt und in sechsmonatiger Arbeit an die Äste genäht. Ähnlich perfekt hätte das Team gerne auch die Häuser eingerichtet: "Ein gallisches Badezimmer zu erfinden wäre ein großes Vergnügen gewesen", erklärt Rabasse. Doch dafür gab es keinen Etat. Schade: Die Jungs konnten ihr Spieldorf nicht perfekt machen.

Zum Film

Das bekannte gallische Dorf wird von einer riesigen Armee belagert, sein bekanntester Bewohner, Asterix, muss in einem tödlichen Spiel um sein Leben kämpfen, und ein römischer Emporkömmling will Julius Cäsar stürzen - es ist viel los in "Asterix & Obelix gegen Caesar". Doch am Ende ist Asterix natürlich Sieger. Die übliche Keilerei, bei der unzählige Legionäre gegen einige zaubertrankgestärkte Gallier keine Chance haben, kommt genau so, wie man sie erwartet. Überrascht ist man höchstens von der perfekten Tricktechnik: Wenn die rotgekleideten Soldaten in der Schlacht um das Dorf wie zerzauste Mohnblumen meterhoch über die grünen Felder wirbeln, sieht das nicht nur sehr komisch aus, es ist auch eine gelungene Übertragung eines Comic-Effekts auf die Kinoleinwand.

Nicht so sicher war dagegen der gallische Sieg an der Kinokasse. Produzent Claude Berri, auch als Regisseur erfolgreich ("Germinal"), hatte vorab bekannt gegeben, die französisch-italienisch-deutsche Co-Produktion würde in seiner Heimat sieben Millionen Zuschauer benötigen, um sich zu rentieren. Eine vollmundige Ansage angesichts der Tatsache, dass selbst die Franzosen am liebsten Hollywood-Filme sehen: Im vergangenen Jahr gingen in Frankreich rund zwölf Prozent aller verkauften Kinotickets allein an "Titanic".

Doch Berris Optimismus war berechtigt. Nach nicht einmal zwei Wochen hatte die Comic-Verfilmung fast fünf Millionen Franzosen begeistert. Ein paar Faktoren hatten dem Erfolg nachgeholfen: Einerseits fiel die Premiere in die Schulferien, so dass überall Kinder in die Kinos stürmten. Andererseits war das über 90 Millionen Mark teure Projekt zu einem nationalen Symbol geworden: So, wie sich Asterix und seine Freunde gegen die Römer wehrten, kämpfte die Grande Nation mit dieser teuersten europäischen Produktion aller Zeiten angeblich gegen die Horden Hollywoods. Klar, das ist simple Propaganda.

Doch so etwas kommt gut an in einem Land, in dem Anglzismen wie "Walkman" als Markenname verboten sind und die einheimische Kultur in Fernsehen und Radio wie eine bedrohte Tierart von Gesetzen geschützt wird. Obelix-Darsteller Gérard Depardieu verstieg sich gar zu der Aussage, Amerikaner könnten keine guten Comic-Verfilmungen drehen, weil deren Kultur dafür "nicht menschlich genug" sei.

Man kann das blöd finden, aber tatsächlich nahm man mit diesem Anfall von überschwenglichem Nationalstolz die ursprüngliche Konzeption von Asterix wieder auf: Der kleine Gallier wurde nämlich 1959 als Gegenstück zu Superman und Batman erfunden - ein französischer Superheld! Erst, als der farbenblinde Zeichner Albert Uderzo dem Autor René Goscinny verschlug, dem Krieger (!) Asterix einen lustigen Kumpel zur Seite zu stellen, entstand das wenig martialische Duo Asterix & Obelix. Dessen bisher 30 Abenteuer wurden weltweit in 280 Millionen Bände verkauft - davon fast ein Drittel in Deutschland. Nimmt man die sieben Trickfilme, den 1989 nahe Paris eröffneten Themenpark und das Merchandise dazu, ist Asterix neben Mona-Lisa-Postkarten einer der wichtigsten Kulturexporte Frankreichs - und damit heilig.

Kein Wunder, daß sich die Franzosen bei der Fertigstellung des ersten Asterix-Realfilms nicht reinreden lassen wollten. Auch nicht von den deutschen Co-Produzenten Neue Constantin und Bavaria Film. So wurde der Vorschlag, Asterix mit einem deutschen Darsteller (und zwar Otto Waalkes!) zu besetzen, kategorisch abgelehnt. Das Nachbarland durfte zwar 30 Millionen Mark bezahlen, erhielt aber dafür nur drei Rollen: Marianne Sägebrecht dekoriert als die Ehefrau des Dorfchefs Majestix ebenso unauffällig den Hintergrund wie Hardy Krüger jr., der als Geliebter der üppigen Laetitia Casta gerade mal einen Satz sagen darf. Allein Gottfried John hinterläßt als Julius Cäsar einen tieferen Eindruck: Seine würdevollen Auftritte fallen im allgemein wilden Gerangel auf wie Spargel in der Erbsensuppe.

Ähnlich verfuhr man übrigens auch mit den Kulissen. In den Münchner Bavaria-Studios wurde zwar der Zirkus nachgebaut, in dem Asterix allein um sein Leben kämpfen muss. Das gallische Dorf und das römische Fort aber entstanden in der Heimat. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Diese Bauten könnte man für eine eventuelle Fortsetzung gebrauchen - und wer weiß, ob die Deutschen dann noch dabei sind.

Besser getroffen hat es Roberto Benigni (Das Leben ist schön). Der Italiener und seine Frau Nicoletta Braschi stellten mit ihrer Firma Melampo Cinematografica neun Millionen Mark zur Verfügung. Zudem spielt der Komiker den intriganten Römer Destructivus, der mit Hilfe des Zaubertranks Caesar stürzen will. Die kleine Rolle wurde ausgebaut, als Gérard Depardieu während der Dreharbeiten verunglückte: Er hatte mit 2,5 Promille in Cannes einen Motorradunfall und landete mit gebrochener Nase und Knöchel im Krankenhaus. Ein Glückstag für Benigni und die Zuschauer: Der 46jährige ist fast der witzigste Darsteller.

Natürlich nach dem umwerfenden Depardieu. Sein Obelix ist wunderbar: Wenn er sich angesichts der willigen Weiblichkeit seines Schwarms Falbala schüchtern windet, aber auch, wenn er treudoof auf eine Ansage von Asterix wartet, möchte man vor Rührung dahinschmelzen. So war es ein weiterer Glücksfall, daß sich der 50jährige nach seinem Unfall in Rekordzeit (fünf Wochen) erholte und deshalb der Plan, die Rolle von Asterix zu erweitern, flink begraben werden konnte. Nichts gegen den französischen Komiker Christian Clavier: er gibt der blassen Hauptfigur einen netten Schuljungencharme. Aber das zur Zeit im Kino laufende Werk ist ein Obelixfilm - und das ist gut so.

Überhaupt ist der Film viel besser, als man es nach etlichen verpatzten Comic-Verfilmungen erwartet hätte. Der spürsichere Komödienspezialist Claude Zidi (Die Bestechlichen) hat als Regisseur eine feine Balance zwischen Spezialeffekten und Schauspielern gefunden. So klingelt die Kasse nun zu recht, wenn auch erst mal nur in Euro: Aber wer weiß: Vielleicht erobert Asterix bald sogar Rom. Pardon: Hollywood!

Und damit, so scheint es, retten Asterix und Obelix vielleicht sogar den französischen Film. Beziehungsweise den europäischen, denn alleine hätten unsere Nachbarn das Werk kaum finanzieren können. Dabei ist der Ansatz von "Asterix & Obelix gegen Caesar" eher uneuropäisch. Der Euro-Asterix, den die Mega-Produktion der ganzen Welt verkaufen will, ist ein wurzelloses Produkt, so wie Indiana Jones, Michael Jackson oder Stephen King. Also eigentlich etwas typisch Amerikanisches. Aber vielleicht rettet uns das vor etwas anderem: vor den Franzosen.

(Peter Lau)


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