Asterix bei den Historikern
aus: DIE ZEIT, Wissen 40/2001
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Links sind redaktionelle Hinweise der Comedix-RedaktionAltertumsforscher untersuchten die Abenteuer der rauflustigen Gallier auf ihren Wahrheitsgehalt.
Alles stimmt, beim Teutates!
In welchem Jahr fiel eine gallische Horde mit Sack, Pack und lebenden Wildschweinen als Zwischenverpflegung in Olympia ein, um es dem römischen Superstar Musculus und seinem Coach Redeflus zu zeigen? Asterix-Autor René Goscinny und Zeichner Albert Uderzo haben uns nicht nur diese Frage nicht beantwortet. Hatten die Gallier wirklich Angst, dass ihnen der Himmel auf den Kopf fällt? Fielen gallische Dorfchefs ab und an vom Schild? Ist Raufbold Obelix tatsächlich als Kind in den Zaubertrank gefallen? Was ist Wahres dran an der antiken Welt, durch die sich unsere schnurrbärtigen Helden geprügelt haben?
Zum Glück gibt es tapfere Wissenschaftler, die uns endlich reinen Wein einschenken. Gallische Druiden schnitten tatsächlich Misteln - mehr als Hokuspokus brachten aber auch sie nicht zustande. Und Asterix kann nur 48 vor Christus Olympiasieger gewesen sein. Schließlich spielen die Abenteuer des listigen Galliers in Zeiten römischer Besatzung, die 50 vor Christus begann. Außerdem war er Zeitgenosse von Cäsar - der bekanntlich schon an den Iden des März 44 vor Christus das Zeitliche segnete. Da die Spiele jeweils im Spätsommer über die Bühne gingen, kommt nur das Jahr 48 infrage.
Es ist verdienstvoll, dass sich Altertumswissenschaftler wie Sunnyva van der Vegt und René van Royen von der Universität Amsterdam dafür interessieren, wann sich Wildschwein vernichtende Comic-Helden wo rumgetrieben haben. Mit wem sie sich geprügelt haben. Ob Wildschwein damals gebraten oder gekocht wurde. Trotz anfänglichem Kopfschütteln ihrer Kollegen begannen sie, in der Historie nach den blauweißen Hosen zu suchen, mit denen Obelix seine Wampe kleidet.
Jahrzehntelang wunderte sich niemand darüber, dass die Comic-Schweizer schon eineinhalb Jahrtausende vor der Erfindung des Fondues eimerweise Käse schmelzen. Schließlich ist die Grundkonstellation der 31 Bände fiktiv und keineswegs historisch belegt: Allein der chauvinistischen Fantasie von Goscinny und Uderzo ist die Idee entsprungen, dass nicht "ganz Gallien" von Cäsar besetzt worden ist. Das Künstlerpaar schuf ein kleines keltisches Dorf im Gebiet der heutigen Bretagne, das seit 1959 nicht aufhört, dem Feind aus Rom Widerstand zu leisten. Der Freiheit ihrer Kunstgattung ist zu verdanken, dass die Geschichte Galliens spaßeshalber andersrum erzählt wird als in Cäsars De bello Gallico - eben so, wie sie den patriotischen Franzosen besser in den Kram passt.
Seit 42 Jahren retten der kleine listige Krieger Asterix, der trottelige Hinkelsteinlieferant Obelix, der nicht sehr standfeste Häuptling Majestix, der beeindruckende Barde Troubadix, Altfischverkäufer Verleihnix und ihre Kumpel mithilfe von Miraculix' Zaubertrank die Ehre der französischen Vorfahren, indem sie die vor 2000 Jahren siegreichen Römer post festum verdreschen. Mitte der neunziger Jahre hielt der Historiker van Royen die Zeit für reif, das Sprechblasenprodukt einem akademischen Test zu unterziehen. Er fing an, Vorlesungen über Asterix-Bände zu halten. Erst nur vor Studenten, dann öffentlich - mit der Folge, dass ihm Horden den Hörsaal stürmten.
Zusammen mit der Altphilologin van der Vegt prüfte er nach, wie viel die Antike des Asterix mit jener Geschichte zu tun hat, die uns die Herren Plinius, Tacitus oder Plutarch vermitteln. Sie gründeten das Zentrum für Asterix-Forschung und publizierten ihren universitären Forschungsstoff 1997 in dem Buch Asterix. Die ganze Wahrheit. Der zweite Band, Asterix auf großer Fahrt, ist soeben erschienen. Das Fazit der Arbeit: Natürlich haben Goscinny und Uderzo - wie es sich für einen Comic gehört - schamlos übertrieben und die Zeiten gehörig durcheinander gemischt. Nur so war es möglich, dass ein römischer Feldherr auf einen Hinkelstein-Industriellen treffen konnte. Der letzte Kreateur dieser präkeltischen Zeitzeugen - von denen bis heute niemand weiß, wozu sie dienten - war in historischer Tat und Wahrheit mindestens 1000 Jahre tot, als Cäsar über die keltisch bewohnten Gebiete herfiel.
Vor allem dort, wo es um die Ehre Frankreichs geht, kannten Uderzo und der 1977 verstorbene Texter Goscinny kein Pardon mit der Wahrheit. In ihrer Comicversion hatte sich der gallische Feldherr Vercingetorix einer zahlenmäßig übermächtigen römischen Armee zu unterwerfen. Tatsächlich aber hatte Cäsar mit bloß 60 000 Legionären Vercingetorix' 330 000 Mann in die Knie gezwungen.
Aber unter dem Strich ist überraschend viel zumindest nicht falsch. Goscinny und Uderzo hatten in der Lateinstunde aufgepasst; ihr Werk selbst ist absolut unterrichtstauglich. Helme und Schwerter der Comic-Kelten ähneln genauso den Originalen wie die römischen Uniformen und die nach einem Kinnhaken von Obelix als einzige der Schwerkraft gehorchenden Legionärssandalen.
In den historischen Quellen spürten die Holländer manche Stelle auf, gegen deren Existenz man seine eigene Asterix-Sammlung verwettet hätte: Wer hätte Goscinny und Uderzo geglaubt, dass die Briten heißes Wasser tranken! Jeder hielt das für einen Gag, der den Galliern (natürlich Jahrhunderte zu früh) die Gelegenheit gab, ihren Gastgebern das Teetrinken beizubringen. Doch tatsächlich gab es in der Antike sowohl Cervisia - als auch überzeugte Wassertrinker. So riet Athenaios denen, die sich guter Gesundheit erfreuen wollten dazu, viel Wasser zu trinken, "im Winter und Frühling so heiß wie möglich".
Letztlich haben sogar die ständigen Teepausen, die die römischen Eroberer in Asterix bei den Briten in Verzweiflung treiben, einen realen Hintergrund. Sie sind eine Anspielung auf die britische Kriegstaktik des hit and run: Die Insulaner starteten urplötzlich einen Angriff, um sich danach blitzschnell zurückzuziehen. Mit diesen zermürbenden Attacken hatten Cäsars Soldaten ihre liebe Mühe. Die Kampftaktik aller von Goscinny und Uderzo präsentierten Widerstandshorden unterscheidet sich nicht wesentlich von der realer Kelten, wie sie der Schriftsteller Polybios beschrieb: Berauscht von einem höllischen Getöse aus Trompeten, Hörnern und furchtbarem Kriegsgesang, stürzten sie sich wie eine wild gewordene Meute ins Getümmel.
Wohl aus Rücksicht auf sein jugendliches Publikum hat Uderzo in diesen Fällen mit der Authentizität aber nicht übertrieben. Beim Zeichnen gallischer oder belgischer Krieger ließ er es beim entblößten Oberkörper bewenden. Er hätte weiter gehen können: Wie uns Polybios und erhaltene Statuen von sterbenden Galliern lehren, warfen sich die Mutigen oft sogar völlig nackt, einzig mit Schwert und Helm bekleidet, in die Schlacht.
Der Erfolg der Asterix-Werke beruht natürlich nicht primär auf einer gesicherten historisch-archäologischen Faktenlage. Vielmehr begeistert die Kombination von treffenden Wahrheiten, Klischees und Versatzstücken modernen Zeitgeists, mit denen die von den Galliern aufgesuchten "Nationen" in Wort und Bild karikiert werden. Ab und an verquicken die Autoren sogar Persiflage und Historie in einem Motiv. So etwa, als die Spanienreisenden auf einen kilometerlangen Stau antiker Sommertouristen stoßen. Tatsächlich unternahmen die Helvetier 58 vor Christus den (letztlich gescheiterten) Versuch, nach Süden auszuwandern. Ein 200 Kilometer langer Konvoi, so lauten die Berechnungen der holländischen Historiker, bewegte sich damals im Schritttempo nach Süden. Im Phänomen des modernen Massentourismus orten die Forscher einen Rest "versunkenen Kulturguts". Schließlich hätten viele Europäer keltische und germanische Vorfahren, die laut Cäsar diese Art der Mobilität schon damals schätzten: "Sie waren unterwegs mit vielen Karren und enormem Gepäck."
Auf ihrer Spurensuche in den Bibliotheken stießen die forschenden Comicfreaks natürlich auch auf hanebüchene Fehler. Doppelt falsch sind in Asterix bei den olympischen Spielen die trainierenden Hochspringer. Ihre Sportart war damals keine olympische Disziplin, und die Gewichte, die sie im Comic in den Händen tragen, gehörten zur Ausrüstung von Weitspringern. Und Asterix betritt nach seinem Sieg ein Podest, auf dem Platz für einen Zweiten und einen Dritten ist. Ausgezeichnet wurde im alten Griechenland aber nur der Erste - und dem wurde der Ölzweig sicher nicht auf einem roten Kissen überreicht.
Überraschenderweise aber fand sich in den Quellen nicht nur der antike Stierkämpfer, die Reisebadewanne, der Urzebrastreifen und die Liebe der Gallier zu kleinen Schoßhündchen, wie sie Obelix zu Idefix lebt. Van Royen und van der Vegt stöberten auch den besenschwingenden Legionär und die bunten und gestreiften Klamotten der Comic-Gallier auf. Sogar die berühmte einzige gallische Angst lässt sich in der Historie auftreiben. Lange Zeit vor Asterix hatten tapfere Kelten eine Unterredung mit Alexander dem Großen. Der fragte sie, wovor sie sich fürchten. Die einzige Angst, versicherten sie dem Kriegsfürsten, sei, dass ihnen der Himmel auf den Kopf fallen könnte.
(Urs Willmann)
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